Herpesviren bei Landschildkröten

Herpesviren spielen bei Landschildkröten eine sehr wichtige Rolle als Infektionserreger. Neben den lästigen Mykoplasmen Infektionen bei Landschildkröten (zellwandlose Bakterien; Mycoplasma agasizzii) sollte man als Halter/Halterin von Landschildkröten diese Herpesviren unbedingt kennen. Dabei handelt es sich nicht um die bei Menschen bekannten Herpesviren (z.B. Lippenherpes), sondern um eine eigene Virenfamilie für Schildkröten, die bei diesen am häufigsten nachgewiesen wird. Davon betroffen sind Meeres,- Wasser,- und vor allem Landschildkröten (Testudo spp.). Bei Landschildkröten rufen die Herpesviren eine richtige „Seuche“ hervor, die mit einer hohen Sterblichkeitsrate einhergehen kann. Alles, was man zu Herpesinfektionen bei Landschildkröten wissen sollte, wollen wir hier kurz zusammenfassen.

Was sind Herpesviren?

Herpesviren sind verhältnismäßig große Viren, die nicht nur Menschen, sondern auch unsere Haustiere infizieren können. Ihren Namen verdanken sie dem griechischen Wort für „kriechen“ (herpein), da ihre Infektion einen schleichenden Verlauf annehmen und über Jahre unbemerkt bleiben kann.

Herpesviren besitzen eine große Anzahl an sogenannten „nicht-Struktur-Proteinen“, die den Viren eine Beeinflussung der Immunantwort ihrer Wirte ermöglichen. Das bedeutet, sie sind in der Lage sich vor dem Immunsystem der Tiere, die sie befallen, zu verstecken („Evasion“) und es zu manipulieren („Modulation“). Diese Eigenschaft ermöglicht den Erregern ein jahrelanges Überleben im Wirt und erschwert die Bekämpfung maßgeblich. 

Herpesviren stellen in der Tiermedizin wichtige Tierseuchenerreger dar, die vor allem Pferde, Rinder und Schweine befallen. Pferde können beispielsweise nach einer Infektion mit den Herpesviren 1 und 4 schwerwiegende Symptome entwickeln. Dazu zählen Aborte nach einer Infektion mit den equinen Herpesviren Typ 1. Auch bei Hund und Katze können Herpesviren (canines und felines Herpesvirus) teilweise schwerwiegende Infektionskrankheiten hervorrufen. Das feline Herpesvirus ist zusammen mit anderen Erregern an der Entstehung des Katzenschnupfen-Komplexes beteiligt. Das canine Herpesvirus wiederum für den Zwingerhusten-Komplex der Hunde mitverantwortlich. Auch Geflügelbestände sind nicht sicher vor den Herpesviren. Herpesviren beim Geflügel können zum einen die Mareks-Krankheit, zum anderen die infektiöse Laryngotracheitis (ansteckende Kehlkopf- und Luftröhrenentzündung) hervorrufen, die unter Geflügelhaltern gefürchtete Infektionskrankheiten darstellen. 

Bei Landschildkröten werden heute vier Typen von Herpesviren unterschieden (Testudined Herpesvirus 1-4;- kurz TeHV 1-4). Ursprünglich sollen nur maurische Landschildkröten 
(T. graeca) von der Infektion betroffen gewesen sein. In Europa spielen heute vor allem TeHV 3 und 1 eine bedeutende Rolle bei der Infektion von Landschildkröten. Das TeHV 1 gewinnt dabei immer mehr an Bedeutung bei russischen Landschildkröten (Testudo horsfieldii). Griechische Landschildkröten (T. hermanni) und russische Landschildkröten (T. horsfieldii) sind empfindlicher gegenüber TeHV3 als maurische Landschildkröten (T. graeca) im Vergleich. Auch Breitbandschildkröten (T. marginata) sind weniger empfindlich/empfänglich, können sich aber dennoch infizieren. Da es sich um artspezifische Viren handelt, sind die Herpesviren der Landschildkröten nicht auf Menschen übertragbar! Eine Zoonose-Gefahr geht also von Ihnen nicht aus! 

Ansteckung von Landschildkröten mit Herpesviren:

Wie stecken sich die Landschildkröten mit den Herpesviren an? Eine Infektion mit Herpesviren erfolgt durch Einschleppung der Viren durch ein infiziertes Tier in einen gesunden Bestand. Auch hier ist es noch einmal wichtig zu erwähnen, dass die Viren sich seuchenhaft in einem Bestand ausbreiten können, wenn erstmal eine der Landschildkröten erkrankt ist. Eine einzelne infizierte Landschildkröte stellt bereits eine Gefahr für andere Tiere dar, denn sie bleibt lebenslänglich Träger und möglicherweise auch Ausscheider vom Herpes-Virus. Dafür muss sie jedoch keine Symptome zeigen, bzw. nicht sichtlich erkranken. 

Für die Übertragung der Herpesviren können alle Körperflüssigkeiten (z.B. Speichel, Kot, Nasenausfluss) der Schildkröten verantwortlich sein. Ein direkter Kontakt der Tiere untereinander ist zwar ebenfalls einer der Übertragungswege, dafür aber nicht zwingend notwendig. Das bedeutet, dass eine Verschleppung der Erreger auch über Gebrauchsgegenstände möglich ist, an denen infektiöse Körperflüssigkeiten haften. Bei einer nicht erkannten Infektion kann der Erreger also unbewusst an Arbeitsgegenständen oder Schuhen haften und unter voneinander getrennt-lebenden Landschildkröten übertragen werden. 

Begünstigend für eine rasche Ausbreitung im Bestand sind suboptimale Haltungsbedingungen, zu denen Überbelegung (zu viele Landschildkröten auf zu engem Raum) und schlechte Hygiene zählen. Zu einem guten Hygienemanagement zählt beispielsweise das tägliche Entfernen von Futterresten und der tägliche Wechsel des Trinkwassers. Weiterhin sollte auch der Kot und urinverschmutztes Substrat regelmäßig entfernt werden. 

Erkrankung an einer Herpesviren-Infektion bei Landschildkröten:

Wie erkennt man eine Erkrankung mit Herpesviren bei einer Landschildkröte? Eine symptomatische Erkrankung durch Herpesviren muss nicht zwingend auftreten. Ein typisches Merkmal der Herpesviren ist ihre Fähigkeit sich in ihrem Wirt zu „verstecken“ und eine sogenannte „latent-chronische Infektion“ zu durchlaufen. Dabei werden die Herpesviren vom Immunsystem der Tiere nicht erkannt und können manchmal auch bei Tests im Labor nicht nachgewiesen werden. So eine latente Infektion kann unter Umständen ein ganzes Leben lang bestehen bleiben, ohne erkannt zu werden. 

Des Weiteren unterscheidet sich der Verlauf der Erkrankung unter den verschiedenen Spezies der Landschildkröten: Somit sind vor allem griechische Landschildkröten (Testudo hermanni), argentinische Landschildkröten (Geochelone chilensis), sowie russische Landschildkröten (Testudo horsfeldii) von schwerwiegenden Infektionen betroffen. Sie können bei einem schweren Verlauf innerhalb von drei Wochen versterben. Trotzdem sind auch atypische Verläufe möglich, bei denen die Landschildkröten in verschiedenen zeitlichen Abständen Schnupfen haben, speicheln oder Schluckbeschwerden zeigen. 

Andere Spezies zeigen mildere Verlaufsformen, die nicht immer erkannt werden. Dazu zählen die Breitbandschildkröte (Testudo marginata) und die maurische Landschildkröte (Testudo graeca). Neben den Landschildkröten können auch andere Schildkrötenarten betroffen sein, dies sind aber meist andere Herpesviren und diese wollen wir hier nicht weiter behandeln.

Eine Erkrankung an Herpesviren bei Landschildkröten tritt zumeist auf, wenn ohnehin schon eine Immunsuppression besteht. Das bedeutet, das Immunsystem ist geschwächt, was eine Vielzahl von Ursachen haben kann: Wenn das Immunsystem eine andere Erkrankung (z.B. Parasiten bei Landschildkröten) bekämpft und „beschäftigt“ ist, können die Herpesviren „aus ihrem Versteck kommen“ und eine Virämie (Viren in der Blutbahn) durchlaufen.

Das Immunsystem kann jedoch auch auf Grund schlechter Haltungsbedingungen bei Landschildkröten geschwächt sein: Dazu zählen vor allem Unterkühlung, aber auch Überbelegungen und der damit einhergehende Stress für die Tiere. Auch nach der Winterstarre ist das Immunsystem häufig heruntergefahren, was vielen Erkrankungen den Weg bereiten kann. Dazu zählen auch die Herpesvirose (Viruserkrankung mit Herpesviren). Ebenfalls kann ein zu starker Parasitenbefall der Schildkröten (beispielsweise mit Oxyuriden/Oxyuren) das Immunsystem schwächen und den Herpesviren den Weg bereiten. 

Symptome einer Herpesvirus-Infektion bei Landschildkröten:

Wie schon erwähnt können die Symptome einer Herpesvirus-Infektion bei Landschildkröten stark variieren. Grob kann man allerdings in der Regel eine frühe von einer späten Infektion unterscheiden. 

Symptome einer frühen Herpesvirus-Infektion:

  • Häufig nach der Winterruhe
  • Schnupfen, vermehrter Speichelfluss und Bindehautentzündung (Konjunktivitis)
  • Reduziertes Allgemeinbefinden, Appetitlosigkeit bis Nahrungsverweigerung
  • Belag auf der Zunge à „diphteroid-nekrotisierende Stomatitis“ (weiß bis gelblich)

Symptome einer fortgeschrittenen Herpesvirus-Infektion:

  • Schwere Störung des Allgemeinbefindens
  • Stärkere Atemwegsbeschwerden (Atemnot, beschleunigte Atmung, Maulatmung, Atemgeräusche
  • Entzündung der Maulschleimhaut (Stomatitis) bis hin zu eitrigen Veränderungen und Abszessbildungen (abgekapselte Entzündung mit Erregern und Eiter)
  • Schlucklähmungen (Futter/ Stückchen verbleiben im Maul
  • Durchfallerkrankungen (stinkend)
  • Zentralnervöse Symptome bei Befall der Hirnhäute und des Gehirns: Zittern, Lethargie, Orientierungslosigkeit und Taumeln.